Direktwahl gegen EU-Verdruß?

Der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzales sorgt dieser Tage für europäische Aufregung. Schuld daran war sein Forderung, dass der EU-Kommissionspräsident zukünftig von den Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union direkt gewählt werden sollte. Damit will der Spanier nach eigenen Angaben erreichen, dass die Bürger mehr direkte Mitsprache “in Europa” erhalten. Brisanz erfuhr sein Vorschlag nicht zuletzt dadurch, dass Gonzales Vorsitzender des sogenannten Rats der Weißen ist, die sich Gedanken über die Weiterentwicklung der EU machen soll.

Auf den ersten Blick ist das Ganze scheinbar verlockend, doch der Schein trügt. Heute wird der Kommissionspräsident vom Europäischen Parlament gewählt. Indirekt entscheiden die Bürgerinnen und Bürger Europas also bereits über den Kommissionspräsident. Was würde aber passieren, wenn zukünftig die Unionsbürger direkt entscheiden würden?
Vermutlich würde das austarierte Gefüge zwischen Europäischem Parlament, Europäischer Kommission und Europäischem Rat nachhaltig zugunsten der Kommission und ihres Präsidenten verschoben werden. Natürlich kann man nun sagen, dass es doch toll wäre, wenn man einen der europäischen Spitzenpolitiker direkt wählen könnte und damit auch endlich die EU stärker mit Köpfen verbunden werden könnte. Doch zeigt aktuell nicht zuletzt Frankreich, dass ein direkter gewählter Präsident mit großen Machtbefugnissen nicht immer auch automatisch gute Politik bedeutet. Auch würde das Europäische Parlament praktisch in der Frage der Auswahl der EU-Kommission entmachtet werden. Ein direkt gewählter EU-Kommissionspräsidenten würde sich vermutlich immer hinstellen und den Parlamentariern sagen, dass sie ihm nicht reinreden sollten, da er ja direkt gewählt worden sei.

Würde man jedoch unbedingt eine Direktwahl auf europäischer Ebene durchsetzen wollen, dann sollte man vielleicht eher überlegen, den neuen Posten des Ratspräsidenten direkt wählen zu lassen und nicht mehr durch die Staats- und Regierungschefs in Hinterzimmern ausdealen zu lassen. Dies würde insofern auch mehr Sinn machen, als dass dieser Präsident, zurzeit der Belgier van Rompuy, keinerlei Kontrolle unterworfen ist, außer den Staats- und Regierungschefs, die aber oftmals mehr an ihre nationalen als an europäische Interessen denken. Dem Europäischen Parlament gegenüber ist dieser Ratspräsident formal zum Beispiel zu gar nichts verpflichtet.

Das beste aber wäre vielleicht, in einem ersten Schritt einmal darüber nachzudenken, ob man nicht besser das Europäische Parlament noch weiter aufwerten sollte. Dieses bereits direkt gewählte Gremium wird noch immer über letztlich nationale Wahlen bestimmt, die alle zeitgleich (im Zeitfenster von vier Tagen) stattfinden und in jedem Land national die diesem zugestandene Sitzzahl per Abstimmung vergeben. Wäre es nicht ein Fortschritt, wenn man sich zum Ziel setzen würde, dass spätestens bis zur Europawahl 2019 eine Reform stattgefunden hat, das 50 Prozent der Parlamentssitze nicht über 27 nationale Listen vergeben werden, sondern über europäisch einheitliche Listen der einzelnen Parteienfamilien, die jedem einzelnen Wähler in der EU genau gleich vorgelegt werden? Dies hätte gleich drei Vorteile: Erstens müssten die Parteien wirklich europaweit Wahlkampf machen, weil sie europaweit mit den gleichen Kandidaten auf einer einheitlichen Parteienliste antreten müssten, um nicht von vorneherein auf den Kampf um 50 Prozent der Parlamentssitze verzichten zu müssen. Zweitens würde man dem immer wieder kehrenden Argument endlich wirksam entgegen treten können, dass bei den 27 nationalen Wahlen anlässlich der Europawahlen beispielsweise in Luxemburg ein Parlamentssitz mit viel weniger absoluten Stimmen erreicht werden kann als in Deutschland und dies eine Benachteiligung bedeute. Und drittens wäre Europa sicherlich mehr damit geholfen, wenn Parteien über unterschiedliche Konzepte europaweit streiten als in TV-Duellen irgendwelche Personality-Stories über die Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten sich anhören zu müssen.

Atomare Planungssicherheit gibt es seit 2000

Ja, ja die Atomwirtschaft… Ein Jahr nach der Bundestagswahl wirds langsam ernst für die Herren von RWE, EON, Vattenfall und ENBW. Bekommen Sie ihre Laufzeiten? Wenn ja, wie lange wären die und wie hoch wäre der Preis? Und wird der Bundesrat das ganze vielleicht doch noch blockieren?

Ich will an dieser Stelle nicht die ganze inhaltliche Debatte aufmachen, warum Atomenergie noch immer unverantwortlich, gefährlich, teuer und vor allem ohne Entsorgungskonzept ist. Nein, mir geht es an dieser Stelle um einen ganz speziellen Punkt, der leider kommentarlos in der Debatte hingenommen wird: Die Aussage der Atomkonzerne, dass sie endlich “Planungssicherheit” bräuchten.

Hallo? “Planungssicherheit”? Diese gibt es doch schon längst. Haben nicht genau jene Atomkonzerne im Jahr 2000 einen Kompromiss mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung geschlossen? Gilt nicht seit 2002 gar eine novellierte Fassung des Atomgesetzes, in der klar geregelt ist, dass in Deutschland keine neuen AKWs mehr gebaut werden dürfen und wann die Reststrommengen für die existierenden AKWs aufgebraucht sind und die letzte Atommühle vom Netz gehen muss?

Lässt man also die ganze politische Debatte rund um die Atomkraft einmal für einen Moment außer Acht, dann bleibt der Verdacht im Raume stehen, dass sogenannte “führende Vertreter der deutschen Wirtschaftselite” es nicht so genau nehmen mit geltenden Gesetz.

Und es bleibt die Tatsache im Raum stehen, dass am 14. Juni 2000 zwischen Vertretern der betroffenen Konzernen und der Bundesregierung ein Kompromiss (=sogenannter Atomkonsens) erzielt wurde, den beide Seiten akzeptierten. Und sie akzeptierten ihn nicht nur, sie haben ihn eigenhändig unterschrieben! Was ist also eigentlich in Deutschland noch die Unterschrift eines Wirtschaftsvertreters wert, wenn dieser ein paar Jahre später nix mehr davon wissen will und vom Staat “Planungssicherheit” fordert? Waren die damals zugesicherten mehr als 20 Jahre bis zum letzten Switch Off eines AKW als Horizont nicht Zeit genug, einen Konzern umzustrukturieren?

Wenn schwarz-gelb nun wieder von freiwilligen Zahlungen der Atombranche faselt statt gesetzlich geregelter Abgaben bei etwaigen Laufzeitverlängerungen, dann ist das heuchlerisch. Merkel würde sich hinstellen und sagen: Guckt alle, die Konzerne haben wir ordentlich bluten lassen. Und die Konzerne würden ihre freiwilligen Zahlungen ganz nach ihrem Dünken gestalten und leisten (oder eben auch nicht). Bei einer Abgabe ginge das nicht so einfach. Und wenn die Politik fehlende Leistungen einfordern würde, dann würde es vermutlich heißen: Wirtschaftskrise – wir haben kein Geld – die Politik vernichtet durch ihre Forderung Arbeitsplätze in Deutschland

Es bleibt zu hoffen, dass die schwarz-gelben Träumereien von der Laufzeitverlängerung ein jähes Finden werden: An einem Freitag, im Plenum des Bundesrats, wo Merkel und Westerwelle seit der verlorenen NRW-Wahl und dem damit verbundenen Mehrheitsverlust bereits zu spüren bekommen, dass die Deutschen sich eine andere Politik wünschen als die ihre.

Heuchlerisches Angebot

Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids ist sicherlich eines, das man sehr genau analysieren sollte. Was läuft schief, dass eine breite Mehrheit aus allen Bürgerschaftsfraktionen, den Gewerkschaften , Kirchen, Arbeitgebern und wahrscheinlich auch allen Elbfischen zusammen es nicht schafft, einen Volksentscheid zu gewinnen?

Vielleicht sollten sich auch Edmund Stoiber (ja, den gibts noch) und der CSU-Generalsekretär Dobrindt diese Frage einmal stellen. Hamburg scheint aus bayrischer Sicht so fern, doch liegt eine krachende Niederlage bei einem Volksentscheid in Bayern (Stichwort Nichtraucherschutz)  auch gerade einmal einen Monat zurück.

Doch Selbstkritik und Demut waren ja noch nie Stärke der ehemaligen bayrischen Volkspartei und so versuchen sich beide auf die “Wir brauchen Volksentscheide auf Bundesebene”-Welle zu setzen und fordern mehr Mitsprache für das deutsche Volk. Wow! CSU-ler und Volksentscheide? Was für einen Moment verlockend klingt, entlarvt sich beim zweiten Blick ganz schnell als vergiftetes Angebot. Den genauer muss es heißen: Mehr Mitsprache fürs Volk, aber nur wenn es um Kompetenzverlagerungen nach Brüssel oder die Frage einer Neuaufnahme eines Landes in die EU geht.

Das ganz ist also gleich doppelt verlogen. Erstens will die CSU damit wohl von ihrem eigenen Versagen ablenken, dass sie ihren großen Parolen, dass die Türkei nicht in die EU gehöre, bis heute keine Taten hat folgen lassen. Seit Beginn der Großen Koalition in Berlin haben CDU/CSU zwar immer groß getönt, dass man lieber einen privilegierte Partnerschaft wolle. Die laufenden Beitrittsverhandlungen haben sie aber bis heute de facto nicht blockiert. Es wurden sogar weitere Verhandlungskapitel zwischen der EU und der Türkei eröffnet. Nun hofft man also auf das Volk und man kann sich schon ungefähr vorstellen, wie eine Anti-Türkei-Kampagne aussehen würde.
Und zweitens ist dieser Versuch auch deswegen verlogen, weil man dem Volk Mitsprache auf Bundesebene ja nur vorgaukeln würde. Dürften die Deutschen nämlich “nur” bei Themen betreffend der Europäischen Union mitsprechen, dürften die Bundespolitiker ansonsten ja einfach weitermachen, dann da will man sich ja nicht vom Volke reinreden lassen. Atomausstieg und was weiß ich was alles, bliebe Hoheitsgebiet der Berufspolitik ganz nach dem Motto: Hier habt ihr eure Spielweise und tobt euch bei EU-Sachen aus, aber wagt es nicht uns in die Arbeit reinreden zu wollen. Das nennt man also Basisdemokratie à la CSU.

Man fragt sich, wieviele Volksentscheide die CSU in Bayern noch verlieren muss, bis sie endlich kapiert, dass der Normalbürger schon längst nicht mehr so doof ist, wie man in der bayrischen Staatskanzlei zu glauben hofft.